Hitzesommer 2026: Warum uns das Nichtstun jetzt teuer zu stehen kommt

Wälder brennen, Bäche trocknen aus und Gletscher schmelzen – die anhaltende Hitze zeigt diesen Sommer schonungslos, wie teuer uns das System des politischen Nichtstuns und der falschen Anreize kommt.

Business Class Ost
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Veröffentlicht am

8.8.2026

 von 
Martin Oswald

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KOMMENTAR

Hitzesommer 2026: Warum uns das Nichtstun jetzt teuer zu stehen kommt

Europa brennt, aber das ist keine Metapher mehr. Es ist ein Befund. Die Grossbrände nahe Madrid und Bordeaux sind weitgehend unter Kontrolle, doch die Erleichterung hält nur kurz an. Bereits kämpft Griechenland gegen neue, weitflächige Feuer und im Nordwesten der USA zerstören Brände Hunderte von Wohnhäusern. In der Europäischen Union ist bereits eine Fläche der Grösse Luxemburgs verbrannt, und die kritischen Augustwochen sind erst angebrochen. Auch in der Ostschweiz erzählen der rekordtiefe Bodensee, gelbe Rasenflächen und Feuerverbote von einer veränderten Wirklichkeit. Das alles sind keine statistischen Ausreisser. Das ist eine Trendlinie.

Wer die Klimadaten der vergangenen zwei Jahrzehnte anschaut, sieht anhaltende Niederschlagsdefizite, Gletscher, die als natürliche Speicher wegschmelzen, und eine Häufung von Extremereignissen. Die Verhältnisse verändern sich sichtbar und spürbar.
El Niño verstärkt die Hitze dieses Sommers. Das Klimaphänomen erwärmt den Pazifik und bringt dem Mittelmeerraum regelmässig heissere, trockenere Sommer. Das ist nicht neu. Neu ist, dass El Niño heute auf eine Welt trifft, die bereits um mehr als 1,3 Grad wärmer ist. El Niño ist nicht die Ursache des Trends, aber er zeigt, wie wenig Spielraum das Klimasystem noch hat.

Der falsche Wald bringt Geld, aber keinen Schutz

Die Verwundbarkeit von Europa ist kein Naturphänomen allein. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen. Nehmen wir die Landschaft in der französischen Gironde, wo zuletzt die grössten Feuer Frankreichs seit dem zweiten Weltkrieg wüteten. Hier dominieren Monokulturen von Kiefern, die bei Trockenheit wie Brandbeschleuniger wirken. Diese Monokulturen bringen den Waldbesitzern hohe Erträge, der biologische Wert tendiert gegen Null. Wissenschaftliche Simulationen zeigen, dass strukturierte Mischlandschaften mit kleineren Parzellen, Feuchtgebieten und Ackerbrachen die verbrannte Fläche bei Grossbränden erheblich reduzieren könnten. Doch die wirtschaftlichen Anreize zeigen in die andere Richtung. Dieses Missverhältnis zwischen privatem Nutzen und kollektivem Schaden ist kein Versagen des Einzelnen. Es ist ein Versagen der Steuerungssysteme.

Die politische Reaktion auf die ausserordentliche Lage ist bisher überwiegend operativ: Feuerwehren werden verstärkt, der europäische Katastrophenschutz RescEU schickt Löschflugzeuge in Krisenregionen, bilaterale Hilfen ergänzen die Kapazitäten vor Ort. Das ist notwendig. Aber eine Löschflotte, so gross sie auch sein mag, verändert nichts an den Bedingungen, unter denen Feuer sich ausbreiten.

Jenseits der Forstwirtschaft und Raumplanung gibt es weitere Brennpunkte. So beispielsweise der Boom der digitalen Infrastruktur. Rechenzentren für künstliche Intelligenz, errichtet oft in wasserarmen Regionen, beanspruchen erhebliche Grundwassermengen zur Kühlung. Der globale Flugverkehr erreicht trotz aller Klimabekenntnisse neue Rekordwerte. Allein über Europa wurden am 24. Juli mit 37'659 Flugbewegungen an einem einzigen Tag so viele Flüge gezählt wie nie zuvor.  Unser Fleischkonsum beansprucht Flächen in einem Ausmass, das kaum vorstellbar ist: Allein in den USA werden rund 266 Millionen Hektaren – knapp 30 Prozent der gesamten Landfläche des Landes – für die Beweidung durch Nutztiere verwendet. Das übertrifft die gesamte Landfläche der Europäischen Union. Keiner dieser Faktoren ist für sich genommen die Ursache. Zusammen aber ergeben sie das Bild einer Gesellschaft, die die Kosten ihres Lebensstils systematisch auslagert – an die Umwelt, an künftige Generationen, an Regionen, die bereits am Limit sind.

Warum bleibt die Reaktion so oft im Operativen stecken? Weil entschlossenes Handeln sofort wehtut. Wer Agrarsubventionen umbaut, trifft Landwirte. Wer den CO₂-Ausstoss bepreisen will, trifft Pendler und die Industrie. Der Nutzen hingegen verteilt sich unsichtbar auf alle und liegt Jahre in der Zukunft. Das ist kein Politikversagen, sondern eine Grundeigenschaft demokratischer Systeme. Was diese Konstellation aufbrechen kann, ist einzig Druck – und der entsteht gerade, weil wir die Kosten des Nichtstuns nun nicht mehr ignorieren können.

Jahresmitteltemperaturen St.Gallen 1864-2025

Sind wir bereit, unser Konsumverhalten zu ändern?

Doch Druck allein reicht nicht, die Anreize müssen sich ändern. Wer durch Monokultur Brandrisiken schafft, trägt heute kaum Verantwortung dafür – die Löschkosten bezahlt die Allgemeinheit, den Holzertrag behält der Eigentümer. Das würde sich ändern, wenn Subventionen nicht mehr pauschal fliessen, sondern an Bedingungen geknüpft werden: Wer resilient bewirtschaftet, bekommt Förderung. Wer Monokultur anbaut, nicht. Wer digitale Infrastruktur in wasserarmen Gebieten betreibt, darf kein kommunales Grundwasser zur Kühlung beanspruchen. Wer CO₂-Lenkungsabgaben einführt, muss sie hoch genug ansetzen, dass sie das Verhalten tatsächlich verändern.

Verhalten verändert sich nicht nur durch Abgaben, sondern auch durch persönlichen Verzicht. Wer weniger fliegt, weniger Fleisch isst, leistet tatsächlich einen Beitrag – es wäre unehrlich, das auszublenden. Wenn sich Normen verschieben, ist Verzicht kein Opfer mehr, sondern Selbstbestimmung.

Klimaanpassung beginnt nicht in Bern oder Brüssel. Sie beginnt in der Gemeinde, im Quartier, auf dem Grünstreifen vor dem Haus. Bäume können dabei ein Schlüssel sein. Unter ihrem Blätterdach sinkt die gefühlte Temperatur um bis zu 12 Grad, durch Schatten und Verdunstungskühle. Erhöht eine Stadt ihre Baumkronenbedeckung auf 16 Prozent, sinkt ihre Durchschnittstemperatur um etwa ein Grad. Manchmal beginnt Vorsorge damit, einen Baum zu pflanzen.

Der Hitzesommer 2026 ist kein Warnzeichen mehr. Warnzeichen gab es genug. Er ist eine Rechnung für Entscheidungen, die wir getroffen haben, und für solche, die wir zu lange aufgeschoben haben.

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