«KI muss vorgelebt werden»: Wie ein Startup Künstliche Intelligenz in die Unternehmen bringt

* Vor knapp drei Jahren machte ChatGPT Künstliche Intelligenz für die breite Masse zugänglich. * Drei Studienfreunde aus dem Rheintal sahen darin nicht nur ein neues Tool, sondern ihre Geschäftschance. * Heute zählt das KI-Studio in Rebstein Dutzende Unternehmenskunden – und steht vor dem nächsten Wachstumsschritt.

Business Class Ost
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Veröffentlicht am

30.5.2026

 von 
Martin Oswald

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KOMMENTAR

Interview KI Studio
Das KI-Team im Büro in Rebstein (v. l.). Nicolas Steiger, Marc Becker, Alessia Benz und Dominik Werder.

Was hat euch dazu bewegt, gemeinsam eine Firma zu gründen?

Marc: Wir haben uns 2020 an der Fachhochschule Graubünden im Studium Digital Business Management kennengelernt. Wir kannten uns vorher nicht, aber haben schnell gemerkt, dass wir gleich ticken – was wir erreichen wollen, was wir unter Leistung verstehen. Im Studium merkst du sehr schnell, mit wem es funktioniert und mit wem nicht.

Zuerst habt ihr unter dem Namen Ryse.ch Webprojekte umgesetzt. Dann kam dieser «KI-Moment», als ChatGPT plötzlich für alle nutzbar wurde.

Nicolas: Ich habe schon im Studium mit dem Vorgänger von ChatGPT erste Tests gemacht. Das war damals ein Entwickler-Tool, nicht für die breite Masse gedacht. Wir hatten den technologischen Hintergrund. Aber als ChatGPT rauskam, haben wir gemerkt: Jetzt ist es für alle da. Jetzt geht es los.

Marc: Wir sassen im Studium gerade in einem Modul, und Nicolas kommt rein und sagt: «Kommt, schaut euch das an, jetzt kann sich jeder einfach mit einer E-Mail-Adresse anmelden.» Du musst dir nichts mehr selbst installieren, kein eigenes Modell aufsetzen – plötzlich läuft es einfach. Da sind wir am Ball geblieben.

War euer erster Gedanke, eigene KI-Software zu bauen? Oder war direkt klar, dass Beratung gefragt ist?

Nicolas: Ryse haben wir gerne gemacht, aber wir wussten: Im Webdesign-Markt langfristig zu wachsen wird schwierig – der Markt ist gesättigt. Wir haben intern verschiedene Sachen ausprobiert, erste KI-Tools entwickelt. Aber der Markt hat das schlicht noch nicht wahrgenommen.

Dominik: Den entscheidenden Anstoss gab ein Vortrag beim AGV Rheintal. Wir haben dort gezeigt, was mit KI alles möglich ist – Social Media für Instagram, Posts, innerhalb von Sekunden generiert. Alle waren begeistert, und viele haben gar nicht gewusst, was da gerade möglich ist. Da haben wir gemerkt: Vielleicht ist genau das unser Weg – zu zeigen, wie es geht.

Marc: Sobald du merkst, dass deine Begeisterung bei den Leuten ankommt und dass es ihnen wirklich etwas bringt – das motiviert ungemein.

Und so seid ihr im Rheintal zu den «KI-Erklärern» der ersten Stunde geworden.

Nicolas: Schon, ja. Das hat auch mit unserer Herkunft zu tun. Wir sind alle in eher ländlichen Gegenden aufgewachsen – wir kennen die KMU-Welt von Kindsbeinen an. Das ist eine völlig andere Welt als der Grossraum Zürich oder Bern. Wenn das technische Thema abstrakt und unverständlich war, haben wir es immer versucht, für unser Umfeld verständlich zu machen. Diese Übersetzungsarbeit – das können wir gut.

Haben die Firmen in der Ostschweiz inzwischen gelernt, mit KI umzugehen?

Marc: Aus technischer Sicht ist enorm viel passiert. Aber das tiefgreifende Verständnis – dass Unternehmen grundlegend neu denken müssen, dass sich Geschäftsmodelle und Prozesse verändern – das ist noch nicht überall angekommen.

Nicolas: Es ist ein Wildwuchs. Du hast Grossunternehmen, die weniger weit sind als ein Kleinunternehmen aus dem Nachbardorf. Ganz wenige haben wirklich verstanden, dass man Ressourcen reinstecken muss – nicht nur das Budget für eine Teamschulung sprechen, sondern Stellen schaffen, Geschäftsmodelle hinterfragen. Fünf Minuten mit der Geschäftsleitung reichen mir meistens als Indikator, ob die KI-Einführung gelingen wird oder nicht: Innovationswille und ein technisches Grundverständnis sind entscheidend.

Marc: Es heisst zwar: «Wir machen jetzt KI.» Aber das Signal nach unten ist oft eher: «Vorsicht, du musst aufpassen, das darfst du nicht.» Natürlich braucht es einen Rahmen. Aber es muss vorgelebt werden – sonst entsteht keine Dynamik.

Wenn man über tiefgreifende Veränderungen von Geschäftsmodellen und Prozessen spricht, reden wir von Technologie. Was genau ist das KI-Studio heute?

Nicolas: Die letzten zwei, drei Jahre waren eine ständige Diskussion: Was machen wir, was nicht? Wir können nicht alles – weder vom Know-how noch von der Kapazität her. Mittlerweile haben wir aber ein gutes Partnernetzwerk. Wir positionieren uns ganz klar als Enabler. Wir sorgen dafür, dass die Belegschaft KI richtig anwendet und dass die Tools menschlich – nicht IT-technisch – im Unternehmen ankommen.

Dominik: Aktuell sind wir mit Teamschulungen vor Ort eher in der Beratung. Aber mit den neuen Ideen, die wir gerade entwickeln, geht es in eine Mischform.

Diese neuen Ideen – könnt ihr dazu schon mehr verraten?

Nicolas: Wir haben schnell gemerkt, dass wir an eine Kapazitätsgrenze stossen, wenn wir voll ausgelastet sind. Als wir die ersten Projekte mit grösseren Unternehmen machten, fiel auf: Bei kleineren Unternehmen kannst du die ganze Belegschaft an einem Tag schulen, dann sind alle KI-ready. Bei Grossunternehmen ist alles etwas träger, langsamer – du kannst nicht einfach Tausende von Mitarbeitenden in zwei Tagen schulen. Gleichzeitig haben wir mit der Idee eines eigenen Online-Kurses gespielt. Aus dieser Kombination ist die Idee einer Plattform entstanden – speziell für Grossunternehmen, über die wir das Schulungsangebot auf digitalem Weg an einzelne Mitarbeitende vermitteln.

Was kann diese Plattform?

Nicolas: Eine Plattform, auf der du einerseits Inhalte hast, mit denen du deine Mitarbeitenden schulst – aber auch ein System, mit dem du Lernfortschritte messen kannst. Eine zentrale Anlaufstelle, wo du als Unternehmen hybride Workshops machen, Use-Case-Pools evaluieren und deine Mitarbeitenden einbinden kannst. Auf der einen Seite Weiterbildung für die Mitarbeitenden, auf der anderen Seite ein Lernsystem für das Unternehmen, das zeigt, wo Probleme und wo Chancen liegen.

Dominik: Der Gedanke ist, Leute langfristig mitzunehmen. Wir haben Teamschulungen gemacht, die liegen jetzt zwei Jahre zurück, und natürlich bräuchten die wieder ein Update. Aber dauernd Updates zu machen würde bedeuten, dass wir personell stark wachsen müssten. Unsere Vision ist es eher, mit einer Plattform die Mitarbeitenden über längere Zeit zu begleiten – sie zu vertiefen, neue Themen einzubringen.

Wie gross ist das Risiko, dass eine solche Plattform von einem grossen Player – Microsoft, Google – über Nacht einfach mitgeliefert wird?

Marc: Das ist ein sehr aktuelles Thema, mit dem wir uns intensiv auseinandersetzen. Unsere Marktrecherche zeigt ein spannendes Bild: Den Bereich, den wir angehen, macht eigentlich niemand. Die Grossen wie Microsoft können solche Plattformen bauen und ihre Mitarbeitenden zu Copilot schulen. Aber sie werden in der Schulung kaum dieses Feuer entfachen, das wir entfachen, indem wir den Leuten konkret zeigen: Wie wende ich das an? Wie führe ich das Tool ein? Wie funktioniert die Adoption?

Wir haben letztes Jahr über 80 Unternehmen kennengelernt – so viele spannende Leute, die wir gerne alle weiter begleiten würden. Das geht aber nicht mit einem kleinen Team. Mit physischen Schulungen schaffen wir das nicht. Also brauchen wir einen digitalen Weg, um die Leute mitzunehmen.

Wo seht ihr das KI-Studio in drei Jahren?

Nicolas: Konkret in unserer Branche zu planen, ist schwierig, der Markt verändert sich enorm schnell. Unsere Vision: Mit wenigen Mitarbeitenden extrem produktiv sein – mit einer Plattformlösung, die unsere Kunden auf ihrer KI-Reise begleitet. Wir wollen uns selbst so weiterentwickeln, dass wir nicht zwingend personell wachsen müssen, sondern unser KI-Wissen auf uns selbst anwenden. Mit wenigen Leuten ein Vielfaches an Produktivität.

Dominik: Die Technologie ist so schnell, du musst immer am Ball bleiben. Du siehst in jedem Kundenprojekt neue Ideen, du entwickelst dich weiter – aber wir müssen aufpassen, uns nicht zu verzetteln. Den Fokus zu behalten ist die ständige Challenge.

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