Oertli-CEO Thomas Bosshard: «Mit kürzeren Spiessen muss man einfach schneller zustechen»

* Thomas Bosshard, Co-CEO von Oertli Instrumente in Berneck, spricht über Schweizer Qualität, Ostschweizer Bescheidenheit und die Identifikation mit dem FC St.Gallen. * Er hat viel Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Ostschweiz und den Rheintaler Arbeitsmarkt. * KI sieht er als positiven Faktor und plädiert für den Erhalt des Flugplatzes Altenrhein-St.Gallen.

Business Class Ost
  •  

Veröffentlicht am

10.6.2026

 von 
Martin Oswald

EXKLUSIV

PAYWALL

PAID CONTENT

KOMMENTAR

Interview Oertli-CEO Thomas Bosshard
Thomas Bosshard wünscht sich für die Ostschweiz mehr Selbstbewusstsein.

Oertli ist Technologieführer im Bereich der Augenchirurgie in einem sehr umkämpften Markt. Wie viel Rheintal steckt im Erfolg von Oertli?
Ich glaube, es steckt sehr viel Rheintal im Erfolg von Oertli – und sehr viel Schweizer DNA grundsätzlich. Freude an der Arbeit, Freude am Schaffen, Freude am Bewegen und Stolz auf das, was man hat, aber gleichzeitig eine gewisse Offenheit. Das Rheintal ist eben ein offenes Tal. Wir exportieren, sind abhängig von den Exportmärkten, und wir stellen hier Produkte her, die so hochtechnologisch sind, dass man sie auf der ganzen Welt verkaufen kann. Und dass die Berufslehre im Rheintal so hoch angesehen ist, der duale Bildungsweg ein solches Standing hat; das beschert uns wirklich ausgezeichnete Fachkräfte.

Man nimmt die Ostschweiz nicht als besonders selbstbewusste Region wahr. Haben wir ein Problem mit dem Selbstvertrauen?
Ja, ich glaube schon. Bescheidenheit ist eine Tugend. Im Zusammenleben ein Vorteil, im Business wird es aber zum Nachteil. Wir kämpfen mit amerikanischen Wettbewerbern, die erzählen einfach, wie sie die Besten und die Grössten sind. Die haben in der Regel die längeren Spiesse. Darum sage ich immer: Wenn wir die kürzeren Spiesse haben, müssen wir einfach schneller zustechen – sprich, wir müssen einfach enger und besser am Kunden sein. Und wenn man gute Produkte und Lösungen hat, muss man stolz darauf sein und es der ganzen Welt erzählen.

Was braucht es konkret, damit die Ostschweizer Wirtschaft sichtbarer wird?
Wir müssen in den sozialen Medien omnipräsent sein. Das ist eine riesige Chance für Unternehmen aus dem Rheintal: weltweite Sichtbarkeit, ohne riesige Budgets. Und dann muss man sich grosse Ziele setzen. Nicht zwei, drei Prozent wachsen, sondern verdoppeln wollen. Mutig denken, ausprobieren und keine Angst vor Fehlern haben.

In Zürich ist man lauter.
In Zürich sind sie laut, ja. Wir sind leise, aber wir haben Substanz. Und wenn man Substanz hat, muss man erst recht laut sein. Bei Oertli haben wir das Narrativ gesetzt: Ärzte und Operationsteams verbringen einen wesentlichen Teil ihrer Lebenszeit im Operationssaal und sollen Freude am Schaffen haben. Enjoy Surgery. Wenn du mit Oertli arbeitest, hast du einen guten Arbeitstag. Aber das reicht nicht als Statement – wir müssen das auch liefern.

Oertli ist ein Familienunternehmen, das Sie gemeinsam mit Ihrem Bruder führen. Unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem globaler Konzerne?
Mein Führungsstil orientiert sich an meiner Persönlichkeit: Energie, viel Emotion, gleichzeitig aber auch reflektiert, visionär – und nicht immer gleich konsequent. Ich habe neulich in einem Beitrag gelesen, dass man sich als Führungskraft nicht von Emotionen leiten lassen soll. Aber das funktioniert für mich nicht, ich bin da anders.

Sie haben in Berneck einen Neubau realisiert, der manche an ein Technologieunternehmen aus Kalifornien erinnert. War das Absicht?
Ich habe vor ein paar Jahren einen Executive MBA in Digital Leadership gemacht, viele Firmen besucht, Google gesehen. Und dann haben wir uns gesagt: Wir können schöner und authentischer sein. Diese Intimität können grosse Milliardenkonzerne nie bieten.
Allein im letzten Jahr haben wir über 500 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt bei uns gehabt. Die kommen von den Philippinen, aus Mexiko, Südafrika und reisen extra nach Berneck. Das haben wir früher nicht gehabt. Wenn die Leute ins Haus kommen, die Ideen sehen, uns vor Ort erleben. Dann spüren sie, wer wir sind.

Wie wichtig ist der Flugplatz für die Ostschweiz? Lohnt es sich, dafür zu kämpfen?
Extrem wichtig. Tunnels, Bahnhöfe, Autobahnen, Flugplätze – das sind Verbindungen. Einen Flugplatz zu schliessen, der eine Region verbindet, die enorm viel Wertschöpfung schafft, mitten zwischen Ostschweiz, Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg – das ist bireweich. Das Erfolgsmodell Schweiz lebt davon, dass wir auf dem ganzen Planeten mit unseren Produkten und Dienstleistungen präsent sind. Und dafür braucht man Verbindungen, Offenheit, im Kleinen wie im Grossen.

Sie sind ein grosser Fan des FC St.Gallen. Was bedeutet der Cupsieg für Sie persönlich?
Was mir am FC St.Gallen am meisten Freude macht, ist die Wahrnehmung von aussen. Es gibt keine andere Marke aus der Ostschweiz, die im ganzen Land so häufig erwähnt wird, in sozialen Medien und überall. Da ist hervorragende Arbeit geleistet worden. Und der Cuptitel ist für mich die Bestätigung genau dafür, für diese Arbeit, für diesen Weg. Das ganze Happening in Bern, der Fanmarsch, all diese Menschen, das bleibt ewig in Erinnerung. Das ist es, was Fussball als gesellschaftliches Phänomen ausmacht.

Gilt der FC St.Gallen als eigentliche Klammer für die Ostschweiz?
Absolut, er schafft ganz starke Identifikation. Wenn man die Geografie anschaut, ist das gar nicht so einfach: St.Gallen ist ein Ringkanton, der Thurgau orientiert sich Richtung Zürich, Appenzell Ausserrhoden ist durchtrennt von Schluchten. Da ist es nicht selbstverständlich, dass man zusammenwächst. Ich liebe die Ostschweiz, und beim FC St.Gallen kann man das richtig ausleben. Man spürt ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Der Klub bringt die Menschen zusammen, die Regionen. Das ist ein Wert, den man nicht unterschätzen darf.

Oertli und der FC St.Gallen werden gerne unterschätzt. Underdog zu sein, ist das unsere Ostschweizer DNA?
In unserem Business können wir gar kein Underdog sein – wir müssen Weltklasse sein, sonst haben wir keine Chance. Neben all dem internationalen Wettbewerb kommen jetzt auch noch die Chinesen. Früher habe ich oft gehört: We are a small family company. Fuck it. Wir sind Technologieleader aus der Ostschweiz, wir sind schneller und besser, weil wir inhabergeführt sind, Topleute haben und das Business genau kennen. Nichts weniger darf unser Anspruch sein. Da müssen wir mit breiter Brust hinstehen.

Wie sehen Sie den Wirtschaftsstandort Ostschweiz in den nächsten Jahren?
Sicher unter Druck, aber auch prosperierend, wenn man die richtigen Lösungen findet. Das Allerwichtigste ist, dass man die Rahmenbedingungen permanent verbessert und Unternehmen nicht überlastet mit Gebühren, Bewilligungen und langen Entscheidungsprozessen. Der Standort muss attraktiv sein.
Wir haben im Rheintal eine sehr gute Symbiose zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Wir ziehen am gleichen Strick. Das ist wichtig, dass das als Motor erhalten bleibt. Und dann ist KI für mich eine grosse Sache. Wenn wir unsere hervorragenden Mitarbeitenden mit künstlicher Intelligenz kombinieren, dann hilft uns das enorm. Ich bin überzeugt: Hochlohnländer können von KI noch viel stärker profitieren als Billiglohnländer — das ist eine riesige Chance für die Ostschweiz.

Zur Person
Thomas Bosshard ist Co-CEO und Mitinhaber der Oertli Instrumente AG in Berneck. Das 1955 gegründete Familienunternehmen entwickelt und produziert Operationsausrüstung für die Augenchirurgie und ist in über 90 Ländern tätig. Oertli beschäftigt weltweit über 400 Mitarbeitende, davon rund 300 am Hauptsitz in Berneck. Bosshard führt das Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder Christoph.

Oertli Instrumente

Artikel öffnen

Weitere Artikel