Professor und Coach Wolfgang Jenewein und der Energiekongress 2026: «Wichtig ist, die Menschen zu emotionalisieren»

* Der Unternehmer und HSG-Professor Wolfgang Jenewein ist Referent am Energiekongress 2026 unter dem Motto «Die Kraft der Begeisterung» am 13. Mai 2026 auf dem Olma-Gelände. * Er berät auch Grossunternehmen, wie sie die mentale Stärke und Performance ihrer Mitarbeitenden fördern können. * Am Energiekongress spricht er zum Thema «Sustainable Mindset – deine Haltung ist entscheidend». Hier im Interview gibt er Einblicke in seine Arbeit mit Menschen, Hochleistungsteams und Organisationen sowie zur Energiewende.

Energieagentur St.Gallen
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Veröffentlicht am

31.3.2026

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Interview Professor Wolfgang Jenewein Energiekongress PC
Professor Wolfgang Jenewein: «Die Energiewende ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit»

Vor ein paar Monaten haben Sie einem Weltumsegler in einer akuten Gefahrenlage per Satellitentelefon aus einem grossen mentalen Tief herausholen können. Wie funktioniert das?
Wolfgang Jenewein: Ja, wir hatten nur fünf Minuten mit vielen Unterbrechungen, aber tatsächlich hat es sehr gut funktioniert. Mein Anspruch ist aber nicht, dass jede und jeder im Gespräch mit mir wie der Phönix aus der Asche aufsteigt. Das wäre schön. Ich hatte mit Oliver Heer das Glück, im richtigen Moment die für ihn richtigen Sachen gesagt zu haben. Ich konnte ihm Türen zu einem neuen Denken und Fühlen öffnen, Schritt für Schritt. Er war unterkühlt, durchnässt, übermüdet und drohte bei völliger Dunkelheit allein mitten auf dem Atlantik zu kentern. Ich hatte mir die Freiheit genommen, ihm zu sagen: «Es ist, wie es ist. Es war abzusehen, dass das kommen könnte. Aber Du bist der beste Segler der Welt, und wenn einer das schafft, dann Du. Hör auf, Dich zu beschweren, und fang an, nach Lösungen zu suchen.» Meine etwas drastische Botschaft war, zusammengefasst: «Embrace this shit».

Was verstehen Sie unter «Moving Mindsets», das Verändern von Einstellung, und warum ist es auch für die Energiewende so nützlich?
Es geht darum, dass unsere innere Einstellung den Unterschied macht. Nicht nur in Krisen und schweren Zeiten, sondern immer dann, wenn es um Hochleistung geht. Wie zum Beispiel im Spitzensport oder in Organisationen, die grosse Ziele und Ambitionen verfolgen. Darin unterscheiden sich Top-Performer vom Mittelmass und Gewinner von Verlierern. Im Sport ist diese Überzeugung häufig bereits fest verankert. In der Wirtschaft jedoch bis heute viel zu selten. In Unternehmen dominiert immer noch der einseitige Fokus auf sachliche Analysen und optimierte Prozesse. Dabei kann kein Sportler Top-Leistung erreichen, wenn er nur an seinen Muskeln und an seiner Technik arbeitet, ohne auch sein Mindset zu trainieren. In Politik und Wirtschaft ist es nicht anders.

Bei der Energiewende geht es um ganze Organisationen, Regierungen, Unternehmen, Regionen, Länder. Funktioniert das bei solchen abstrakten Gebilden tatsächlich genau gleich?
Jede Institution, Partei oder andere Organisation hat – wie auch wir Menschen – eine bestimmte Haltung zu Themen. Auf die Energiewende kann man neugierig sein und sie willkommen heissen. Oder man kann eine abwehrende Einstellung einnehmen, je nachdem, ob man erwartet, man erfahre durch die Veränderung Vor- oder Nachteile. Ich verstehe, dass manche Leute anfangs vorsichtig und zurückhaltend sind. Doch man kann durchaus, auch wenn man Bedenken oder sogar Ängste hat, neugierig bleiben. Die Kunst ist, im Inneren grundsätzlich offen zu bleiben. Nur so erkennt man die Chancen, die sich durch die Energiewende eröffnen. Wichtig ist: Nicht nur der oder die Einzelne sollte sich offen zeigen. Offenheit und Neugier sollte auch die Einstellung sein, von der die Organisation als Ganzes getragen wird – in ihren Abläufen, Strukturen, Entscheidungen, Verhaltensweisen.

Was heisst das konkret?
Ein Unternehmen sollte nicht immer gleich bewerten und urteilen, sondern offen und interessiert sein. Das sind psychologische Muster und Haltungen, die wir in Unternehmen Schritt für Schritt etablieren. Dazu gehört eben auch, alte Muster aufzubrechen und weiterzuentwickeln. Viele Menschen stecken zu tief im bestehenden System in seiner jetzigen Ausprägung. Positive Veränderung beginnt damit, anders zu denken – und dann anders zu handeln. Verhaltensänderung ist nicht leicht und passiert nicht über Nacht. Aber wer seine Einstellung und Kultur nicht dem Zufall überlässt, sondern aktiv entwickelt, wird mit mehr Freude und Performance belohnt. Das erleben wir nicht nur mit unseren Kunden, sondern das sagt uns auch die empirische Forschung.

Geht es um Rationalität oder um Emotionen?
Was nützt die perfekte Strategie, wenn sich niemand für sie interessiert oder an sie glaubt? Wichtig ist, dass man es schafft, die Menschen zu emotionalisieren. Es geht nicht nur darum, ihnen rational zu erklären oder gar zu belehren, wie die Fakten aussehen. «Wir müssen jetzt die Solarenergie ausbauen, weil …» – das kann man hundertmal erklären. Vielleicht habe ich einige rational überzeugt. Emotional committed sind sie dann aber noch lange nicht. Aus der Forschung wissen wir: Menschliches Verhalten ändert man im Kern nicht mit Argumenten, sondern mit positiven oder negativen Emotionen. Über Leidenschaft, Freude, aber auch, indem wir Ängste und Sorgen ernst nehmen – nicht bloss über den «Kopf». Die meisten Transformationen scheitern bis heute, weil sie im falschen Mindset gefangen sind. Sie stützen sich auf die traditionelle Logik von «Analyze, Think, Change». Wenn Menschen in ihrem Beruf etwas erkennen, das sie emotional tief bewegt – dann wird Veränderung zu einer Chance, mit Freude über sich hinauszuwachsen. In Emotionen steckt so viel ungenutztes Potenzial für Unternehmen. Wer nur die Köpfe anspricht, tut sich mit grossen Veränderungen schwer.

Wenn Sie am 13. Mai auf der Bühne des Energiekongresses stehen: Welche Botschaften werden Sie dem Publikum vermitteln? Das Motto der Veranstaltung lautet ja «Die Kraft der Begeisterung».
Ich versuche sie von der Kraft der Emotionen zu überzeugen, und zwar ganz authentisch. Ich möchte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Mut zur Veränderung machen. Sie sollen an das Potenzial ihrer Organisation glauben, an das Positive und die Stärken – und nicht immer nur das Negative sehen. Sie dürfen gerne realistisch-positiv denken.

Was motiviert Sie persönlich, als Referent am Energiekongress aufzutreten?
Erstens freue ich mich, dass ich angefragt wurde und auch hier präsent sein darf, und zweitens freue ich mich, die Sicht des Nicht-Technikers, -Ingenieurs, -Politikers und -Wirtschaftsführers einbringen zu können. Ich bin überzeugt, es lohnt sich, auch die psychologisch-menschliche Seite der Thematik rund um die Energiewende ernsthaft zu beleuchten. Die Menschlichkeit ist unsere letzte Bastion in einer durch Technik getriebenen Welt voller KI und Hochtechnologie. Es geht mir dabei nicht um irgendwelche esoterischen Ansätze, sondern ich möchte die Menschen für die Themen Wandel, Führung und Zusammenarbeit begeistern. Wenn ich diese Gelegenheit am Energiekongress nutzen kann, habe ich etwas erreicht. Dann funktioniert die Energiewende vielleicht etwas besser, und die Politik öffnet sich noch mehr für dieses wichtige Thema. Am Ende folgen Menschen immer Menschen und nicht Robotern. Daher freue ich mich auf diesen Anlass. Ich kann die Menschen bei ihren blinden Flecken abholen und sie darin unterstützen, ihre Potenziale und die ihrer Organisationen zu nutzen.

Über Wolfgang Jenewein
Prof. Dr. Wolfgang Jenewein (56) ist ein deutsch-österreichischer Experte für Leadership und Hochleistungsteams. Er ist geschäftsführender Inhaber der Jenewein AG, einer führenden Leadership- und Kulturberatung mit Schwerpunkt Organisationsentwicklung. Dabei berät er internationale Konzerne auf Vorstandsebene, coacht diverse Athleten und Hochleistungsteams im Spitzensport und trainiert Top-Führungskräfte in der Jenewein Academy. Zudem ist er Professor an der Universität St. Gallen (HSG) und Kolumnist im «Manager Magazin» und im «Focus». Seine Publikationsliste umfasst zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Artikel in führenden Zeitschriften und Magazinen.
jenewein.ch
Der Energiekongress 2026 – «Die Kraft der Begeisterung»
Die Energiewende ist eine der zentralen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Der Energiekongress 2026 rückt unter dem Titel «Die Kraft der Begeisterung» eine entscheidende Frage ins Zentrum: Wie gelingt die Transformation unseres Energiesystems – technisch, politisch und gesellschaftlich? Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Praxis zeigen auf, warum Begeisterung ein zentraler Treiber für Veränderung ist und wie sie Innovation, Umsetzungskraft und Akzeptanz in der Energiewende stärkt. Die Keynotes präsentieren Prof. Dr. Wolfgang Jenewein unter dem Titel «Sustainable Mindset – deine Haltung ist entscheidend» und Dr. Tim Meyer mit dem Thema «Willkommen in der 4. Energierevolution: Warum Energie viel schneller sauber wird, als viele denken».
Auf der Bühne sind ausserdem Martin Schwab, CEO CKW und Präsident Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen, Nationalrätin Gabriela Suter, Ständerat Thierry Burkart, Jeanine Glarner, Geschäftsführerin Dachverband Schweizer Verteilnetzbetreiber, Daniel Fischlin, CEO Kraftwerke Oberhasli, und Martina Müggler, Leiterin Mobilitätslösungen Schweizerische Post. Darüber hinaus startet der Event mit einem Talk in den Kongresstag zum 20-jährigen Jubiläum des Energiekonzepts 2050 der Stadt St.Gallen. In den acht Breakout-Sessions am Vormittag werden in kleineren Gruppen relevante Themen aus der Praxis diskutiert.
13. Mai 2026, 09:00 bis 17:00 Uhr; Veranstaltungsort: Olma-Messen St.Gallen.
energiekongress.ch
Über die Energieagentur St.Gallen
Als Informations- und Netzwerkplattform organisiert die Energieagentur St.Gallen jährlich den schweizweit bekannten Energiekongress für Gemeinden, Energieunternehmen, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Dabei tauschen sich rund 600 Teilnehmende über den Umbau der Energieversorgung mit dem Ziel der klimaneutralen Schweiz 2050 aus. Die Energieagentur St.Gallen ist das schweizweit einzigartige Kompetenzzentrum für Energiethemen. Heute setzen sich 20 Mitarbeitende dafür ein, dass in der Ostschweiz fossile Energieträger im Gebäudepark durch erneuerbare Energien ersetzt werden, die Energieeffizienz gesteigert und möglichst viel Strom an Gebäuden produziert wird.
energieagentur-sg.ch
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