* Silvan Wildhaber, der neue Präsident des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, ist CEO des exportorientierten St.Galler Familienunternehmens Filtex und kennt das Dossier der Bilateralen III gut. * Während er das Paket befürwortet, sieht es Urs Wietlisbach von der Partners Group kritisch. * Wie denkt der Verbandspräsident darüber? Am Wirtschaftsforum kreuzen die beiden auf dem Podium die Klingen.

Urs Wietlisbach, Co-Founder der Partners Group, ist gegen die Bilateralen III und wirft dem Bundesrat vor, die Auswirkungen des EU-Pakets zu «verharmlosen», dem Volk Sand in die Augen zu streuen; in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagte er sogar: «Ist das direkte Demokratie, wenn wir mit dem Revolver an der Stirn entscheiden müssen?» Gibt es etwas, bei dem Sie ihm zustimmen können, und was halten Sie von so einer Rhetorik?
Das Paket «Bilaterale III» ist wichtig und verdient eine ernsthafte, offene Diskussion. Vor- und Nachteile müssen abgewogen werden. Gerade deshalb sollten wir die Fakten nüchtern anschauen. Polarisierende Begriffe helfen da aus meiner Sicht nicht weiter. Aus Sicht der Wirtschaft ist klar: Die Bilateralen III stärken den Zugang zu unserem wichtigsten Markt und schaffen Rechtssicherheit. Die Schweiz verdient jeden zweiten Franken im Ausland. Es geht also auch um unseren Wohlstand und um Arbeitsplätze in unserem Land. Deshalb ist die Fortsetzung des bilateralen Wegs aus unserer Sicht für die Schweiz von zentraler Bedeutung.
Könnten Sie mit dem Entscheid eines Ständemehrs leben, oder lehnen Sie das ab, weil es dann ziemlich sicher zu einer Ablehnung der Bilateralen III käme?
Die Politik muss am Schluss entscheiden, ob ein doppeltes Mehr sachlich gerechtfertigt ist. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Der Bundesrat, gestützt auf ein Gutachten des Bundesamts für Justiz, und eine Mehrheit der Kantone sind zum Schluss gekommen, dass die Voraussetzungen für ein doppeltes Mehr nicht erfüllt sind. Ich kann deren Begründung nachvollziehen.
Wietlisbach stellte in den Raum, Schweizer Firmen könnten auch ohne neue EU-Verträge in die EU exportieren. Wie kommt er darauf?
Ohne eine Aktualisierung der bilateralen Verträge hätten unsere Firmen wieder mit zahlreichen technischen Handelshemmnissen zu kämpfen. Solche Hürden entstehen durch unterschiedliche Produktvorschriften oder Kennzeichnungspflichten. Teilweise bräuchte es auch wieder doppelte Zertifizierungen. Schweizer Unternehmen müssten einen ständigen Vertreter in der EU unterhalten, der für ihre in die EU exportierten Produkte die Verantwortung trägt. Als Unternehmer weiss ich, was solche zusätzlichen Hürden in der Praxis bedeuten. Ich muss Aufträge gewinnen, wettbewerbsfähig bleiben und am Ende des Monats die Löhne bezahlen können. Jede zusätzliche Zertifizierung und jede administrative Hürde kostet Zeit und Geld. Gerade für KMU kann das entscheidend sein, ob sich ein Exportgeschäft überhaupt noch lohnt. Mit den Bilateralen haben wir genau diese Hürden abgebaut! Die Bilateralen III sorgen dafür, dass Schweizer Produkte weiterhin ohne zusätzliche technische Hürden auf den europäischen Markt gelangen können.
Ausserdem behauptet er, die neuen Verträge würden die Personenfreizügigkeit «stark ausweiten» und stünden deshalb «im Widerspruch mit der Verfassung» – Stichworte Familiennachzug im grossen Stil und dauerhaftes Bleiberecht. Wie sehen Sie das?
Das entspricht nicht unserer Einschätzung. Die Personenfreizügigkeit bleibt arbeitsmarktorientiert. Gleichzeitig enthält das Paket neue Schutzinstrumente, insbesondere eine konkretisierte Schutzklausel, mit der die Schweiz bei Problemen reagieren kann. Zudem wurden bei der Unionsbürgerrichtlinie Ausnahmen und Absicherungen ausgehandelt, die eine Einwanderung in die Sozialsysteme verhindern.
Was sagen Sie als neuer Präsident von Economiesuisse zur Behauptung, die Kompass-Initiative werde von 4500 Unternehmern unterstützt? Sind das alles Kleinst-Unternehmen aus der Innerschweiz?
Kontroverse Diskussionen gehören zu einer Demokratie und zeichnen eine gute Debattenkultur aus. Es ist wichtig, dass wir auch in der Wirtschaft diese Diskussionen offen führen – und das tun wir. Economiesuisse vertritt über 100’000 Unternehmen. Dahinter stehen rund zwei Millionen Arbeitsplätze. In unseren Kreisen ist die Unterstützung für das Paket sehr gross. Gleichzeitig unterstützen auch zahlreiche weitere Organisationen, Hochschulen und Kantone den bilateralen Weg. Das zeigt: Die Unterstützung für die Bilateralen III reicht weit über einzelne Regionen, Branchen oder Unternehmensgrössen hinaus.
Welche Nachteile nimmt die Schweiz mit den Bilateralen III in Kauf?
Jedes internationale Abkommen basiert auf Geben und Nehmen. Die Schweiz verpflichtet sich in klar definierten Bereichen, gemeinsam vereinbarte Regeln einzuhalten. Dafür erhält sie langfristige Rechtssicherheit, besseren Marktzugang, mehr Versorgungssicherheit und Zugang zu Forschungsprogrammen. Als Unternehmer ist für mich am Ende die Gesamtbilanz entscheidend: Schaffen wir verlässliche Rahmenbedingungen, unter denen Unternehmen langfristig investieren, planen und Arbeitsplätze schaffen können? Bei den Bilateralen III fällt diese Bilanz aus meiner Sicht klar positiv aus.
Das heisst, die Vorteile überwiegen für die Unternehmen. Und für die Bevölkerung? Die muss jeweils abstimmen, nicht die Unternehmen.
Es betrifft alle Schweizerinnen und Schweizer, weil unser Wohlstand betroffen ist. Die EU ist für die Schweiz die mit Abstand wichtigste Abnehmerin unserer Schweizer Produkte. Unser Wohlstand kommt wesentlich vom Exportgeschäft. Wenn es uns nicht gelingt, mit den Bilateralen III den Marktzugang nach Europa zu sichern, leidet unsere Exportindustrie. Das merken wir alle früher oder später auch im Portemonnaie.
Für wie gross halten Sie die Gefahr, dass wir vom EU-Markt ausgeschlossen werden, sollte die Initiative angenommen werden oder die Bilateralen III abgelehnt werden?
Die Gefahr liegt vielmehr in einer schleichenden Erosion. Bestehende Abkommen verlieren an Wert, neue Marktzugangshürden entstehen, und die Schweiz wird zunehmend wie ein gewöhnlicher Drittstaat behandelt. Genau das wollen die Bilateralen III verhindern.
Ein gern gehörtes Argument lautet, andere Wirtschaftsregionen hätten ein viel grösseres Potenzial. Ist das nicht zu relativieren angesichts der dort niedrigeren Kaufkraft im Vergleich zur EU und der hochwertigen Schweizer Exportprodukte im Hochpreissegment?
Natürlich müssen wir weltweit aktiv sein. Die Schweizer Wirtschaft profitiert von Freihandelsabkommen mit Indien, Mercosur, Vietnam oder Thailand. So können wichtige Absatzmärkte noch besser erschlossen werden. Aber als Unternehmer gebe ich einen funktionierenden und enorm wichtigen Absatzmarkt doch nicht einfach auf, nur weil sich anderswo neue Chancen eröffnen. Ein Unternehmen muss beides tun: bestehende Märkte sichern und neue erschliessen. Genau das gilt auch für die Schweiz. Die EU bleibt unsere wichtigste Handelspartnerin. Es ist daher kein Entweder-Oder. Die Schweiz muss sowohl ihre Beziehungen zu Europa sichern als auch neue Märkte erschliessen.
Die EU brauche unsere Strassen und unsere Stromleitungen, weshalb die Schweiz nicht erpressbar sei. Halten Sie diese Einschätzung für realistisch?
Ich habe mit dieser Haltung Mühe. Dieses «Gegeneinander». Wir sollten unsere europäischen Nachbarn als Partner verstehen. Wir sind wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell aufs Engste miteinander verbunden. Es liegt in unserem ureigenen Interesse, stabile und verlässliche Beziehungen zu pflegen.
Macht Sie die Ablehnung der 10-Millionen-Initiative optimistisch, oder raubt Ihnen das mögliche Ständemehr den bilateralen Schlaf, und fürchten Sie um den Wohlstand der Schweiz?
Sie zeigt, dass die Bevölkerung differenziert urteilt und einfache Abschottungslösungen kritisch hinterfragt. Das ist ein positives Signal. Dennoch wird die Abstimmung über die Bilateralen III eine eigene Debatte sein. Ich bin optimistisch, dass wir die Stimmbevölkerung überzeugen können.
Silvan Wildhaber ist CEO des St.Galler familiengeführten Textilunternehmens Filtex AG mit rund 100 Mitarbeitenden. Seine berufliche Laufbahn begann Silvan Wildhaber im Finanzbereich bei der Credit Suisse Trust AG, bevor er 2006 in das Familienunternehmen eintrat und dort verschiedene Führungsfunktionen übernahm. Silvan Wildhaber ist breit in der Wirtschaft und in den Verbänden engagiert, unter anderem war er vor seinem Amtsantritt als Präsident von Economiesuisse im Vorstand von Swiss Textiles, von Economiesuisse und vom Schweizerischen Arbeitgeberverband sowie auf europäischer Ebene im Textilverband Euratex. Er engagiert sich unter anderem im Stiftungsrat des Textilmuseums St.Gallen. Silvan Wildhaber absolvierte eine BWL-Ausbildung an der HSG. Er lebt mit seiner Familie in Zürich, ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
Am 5. November findet ab Mittag das Wirtschaftsforum Thurgau im Thurgauerhof Weinfelden statt. Es steht unter dem Motto «Neue Weltordnung – was bedeutet das für die Schweiz und den Standort Thurgau?». Das Wirtschaftsforum Thurgau 2026 ordnet aktuelle geopolitische und wirtschaftliche Entwicklungen ein und beleuchtet die Frage, wie sich die Schweiz in einer zunehmend unsicheren Welt positionieren soll. Erwartet werden unterschiedliche Perspektiven aus Wirtschaft, Unternehmertum und Sicherheitspolitik – von globalen Entwicklungen über unternehmerische Standortfragen bis hin zu Themen wie Resilienz, Unternehmertum und dem Umgang mit Herausforderungen. Auf der Bühne stehen neben Silvan Wildhaber und Urs Wietlisbach unter anderem Claudio Minder & Karl Müller, Co-CEOs der Kybun-Joya-Gruppe; moderiert wird der Anlass von der SRF-Moderatorin Annette Fetscherin. Tickets gibt es hier.

* Ein erfolgreicher Event braucht mehr als den passenden Raum. * Er braucht eine Idee, die sich durch den gesamten Anlass zieht, eine Inszenierung, die Inhalte erlebbar macht und ein Konzept, das Raum, Marke und Menschen miteinander verbindet. * Von der ersten Idee bis zur Umsetzung vor Ort bietet das Team von Congress | Events der Olma Messen St.Gallen Konzeption, Technik, Infrastruktur und Projektleitung aus einer Hand.

* Zürich exportiert laut einer neuen Studie seine Wohnungsknappheit in die Nachbarkantone. * In der Ostschweiz ist insbesondere Thurgau betroffen; die Abwanderung dorthin hat sich seit 2019 fast verdreifacht. * In den vergangenen drei Jahren stiegen die Angebotsmieten im Thurgau um 13,7 Prozent.

* Die Ostschweiz hängt beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf hinter den Wirtschaftsregionen. Das heisse aber noch lange nicht, dass sie sich wirtschaftlich im Niedergang befindet, schreibt «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid in seiner Analyse. * Gebiete in der Ostschweiz, die vom Wirtschaftszentrum Zürich gut erreichbar sind – Rapperswil-Jona, Wil, der westliche Thurgau –, profitierten von einer starken Binnenzuwanderung. * Dazu hat das Beratungsunternehmen Wüest und Partner neue Zahlen publiziert, fast zeitgleich mit den BFS-Daten zur Wirtschaftskraft.