Das Dollar-Dilemma: Zwischen militärischem Wagnis und globalem Finanzbeben - ein Kommentar von Konrad Hummler

* In seiner Analyse der aktuellen geopolitischen Spannungen untersucht Konrad Hummler die fragile Dominanz des US-Dollars und die riskante „Enthauptungsstrategie“ der USA im Iran. * Er warnt davor, dass ein Scheitern der schnellen Befriedung zu einem langwierigen asymmetrischen Konflikt an der Strasse von Hormus führen könnte. * Auch die finanzielle Stabilität der USA und das globale Währungssystem würden vor eine historische Zerreissprobe gestellt.

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Veröffentlicht am

19.3.2026

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KOMMENTAR

Konrad Hummler zum Iran

Bekanntlich beschäftigt mich die Frage nach der Nachhaltigkeit des Quasimonopols der Weltwährung US-Dollar in zunehmendem Masse. Dies, weil es sich um eine volkswirtschaftliche Anomalie mit folgenreichen Verzerrungen handelt und mithin auch mit einem Ablaufdatum. Zweifelsohne gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung von hegemonialen Aufgaben durch die USA, dem monopolartigen Status der Währung, dem herrschenden, von den Inflationsraten abhängigen Zinsniveau und der Finanzierungsproblematik des amerikanischen Staatshaushalts bzw. -defizits.

Wenn sich eine dieser Grössen drastisch verändert, dann müssen sich neue Gleichgewichte bilden.

Ich versuche mir, diesen Prozess vorzustellen, und zwar in drei Phasen:

• Was könnten die Triggerpunkte sein, die den Status Quo in Frage stellen würden? Wie prekär ist unter Umständen dieser Status Quo bereits? Immerhin kennen wir beispielsweise die Höhe der US-Staatsverschuldung (124 % vom BIP) und des sich daraus ergebenden Zinsendiensts (derzeit 17 % aller Fiskalausgaben). Auch wissen wir um die Spannungen zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem Governor des Fed, bei denen es just um die Finanzierungsfrage des US-Haushaltes geht.

• Wie würde ein Anpassungsprozess verlaufen? Ruckartig, das heisst mit viel Kollateralschäden im Finanzsystem und in der Weltwirtschaft, oder relativ sanft-kontinuierlich, weil auch sehr starke Gegenkräfte wie die AI-Revolution am Werk sind?

• Was könnte der Folgezustand des globalen Finanzsystems und der Weltwirtschaft sein? Konnte man sich vor dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-System (1973) die Welt danach vorstellen? Hätte man sich darauf einrichten können? Konkreter: Was würde den US-Dollar substituieren? Eine chinesische Währung? Eine oder mehrere Blockchain-Währungen? Welche Folgen hätte das für Institutionen wie die Weltbank oder den IMF? Was geschähe mit dem «Global Banking»?

Das alles tönt relativ technisch, ist aber ziemlich konkret. Es geht um einen möglichen Bondcrash, um anhaltend hohe Ölpreise, einen teilweisen Staatsbankrott, um eine zähe Stagflation in der Weltwirtschaft und eine geopolitische Neuordnung auf unserem Globus.

Vor einem knappen Jahr verfasste ich zusammen mit Ivan Adamovich die Schrift «Vom Umgang mit Amerika» (Progress Foundation Zürich, 2. Auflage Mai 2025), in der wir uns mit der möglichen und gewollten Beendigung des Hegemonialstatus der neuen amerikanischen Regierung befassten (und der daraus mutmasslich resultierenden Erosion des Quasimonopols der US-Währung). Nun kann man nach dem Enthauptungsschlag gegen Venezuela und der gegen Iran eingeleiteten Enthauptungsstrategie mit Fug behaupten, es sei genau das Gegenteil eingetroffen: Präsident Trump verfolge mit unglaublich präzis wirkenden Mitteln eine völlig andere, neue, wirksamere, weniger aufwendige, weniger blutige und Schaden anrichtende Hegemonialpolitik.

Dass kann sein, und es wäre vielleicht der Königsweg zu einer friedlicheren Welt und zu einer prosperierenden Weltwirtschaft: Dass «jemand», das heisst eben die dazu fähigen und ausgerüsteten USA, ohne völkerrechtliches Mandat zwar und ohne den Segen der zahnlos gewordenen UNO, die störendsten Elemente auf dem Globus aus der Welt schaffen, indem die Eliten gezielt ins Jenseits oder ins Gefängnis befördert werden. Die Enthauptung würde gemässigteren Kräften erlauben, die politische Kontrolle in solchen Schurkenstaaten zu übernehmen; es könnten hundert Dubais nicht nur in Gaza, sondern entlang der ganzen persischen Küste entstehen – und so weiter.

Allein, es meldet sich der Skeptiker in mir. Gewiss habt Ihr alle die Lage nach der israelisch-amerikanischen Intervention in Iran mitverfolgt und seid eher über- als unterversorgt mit Nachrichten und Kommentaren. Es wird viel geschrieben und behauptet und kolportiert derzeit. Vieles hat Schlagseite, weil Donald Trump und die Israeli im Spiel sind – das kann, darf ja nicht gut sein...! Darauf will ich nicht eingehen. Vielmehr liegt mir daran, den Blick zu schärfen auf ein sich zuspitzendes Dilemma, vor das sich die US-Regierung möglicherweise gestellt sieht.

Dieses ergibt sich aus der sich immer mehr abzeichnenden Situation, dass es zwar mit einem spektakulären Schlag gelang, die Hydra des iranischen Mullahregimes (um das wir keinen Moment trauern) ihres einen, wichtigen Hauptes zu entledigen und dessen Entourage zu treffen. Die einem seltsamen, endzeitlichen Sektenglauben verpflichtete iranische Elite gibt es nicht mehr. Das persische Volk hat sich aber gegen ihre Peiniger noch nicht erhoben, weil das anscheinend zu gefährlich ist. Die Möglichkeit eines baldigen Regimewechsels ist zwar noch nicht vom Tisch. Aber wir müssen auch damit rechnen, dass ein solcher noch nicht oder überhaupt nicht stattfindet.

Denn die ihren endzeitlichen Vorstellungen verpflichteten Mullahs haben vorgesorgt. Sie haben möglicherweise – vermutlicherweise? – ein höchst dezentrales, widerstandsfähiges Machtsystem aufgestellt mit Kräften von Revolutionswächtern, militärischen und paramilitärischen Truppen, die mit allem Notwendigen (Waffen, Munition, Informations- und Kommunikationssysteme) ausgerüstet sind und weitgehend autonom operieren können. Sie gehorchen dem aus dem Untergrund dirigierenden Sohn Khameneis. Das Mysterium um dessen Existenz nährt den unbedingten Gehorsam der dezentral aufgestellten Truppe, von Demoralisierung keine Spur. Ausserdem: Nach einem allfälligen Aufgeben ständen die Leute vor einem doppelten Nichts: der aussichtslosen Weiterexistenz in einem säkularisierten Persien und dem verspielten Logenplatz im Paradies.

Was von den Revolutionswächtern übriggeblieben ist, ist nicht nichts. Aufpassen: Persien ist riesig, der Verstecke sind Hundertausende, einem mehrheitlich asymmetrisch, sprich: terroristisch vorgehenden Gegner ist kaum beizukommen. Die verängstigte Bevölkerung (offenbar sind 80 % regimekritisch) wird sich nicht so rasch auf die Seite allfälliger «Befreier» stellen können oder höchstens in Teilen des Landes.

Ich habe den Eindruck, dass die amerikanische Regierung, bei allen unleugbaren Qualitäten und bei aller gehabten Entschlossenheit, damit nicht gerechnet haben könnte. Ziel und Vorgehen war die rasche, konsequente Enthauptung. Dass der Körper der Hydra weiterleben könnte und unzählige neue Köpfe mit klarer Mission («Überleben, Weiterkämpfen, Jerusalem ‚säubern‘, dem 12. Nachkommen des Propheten das Feld für die Ankunft bereiten») erzeugen würde – solche Entwicklungsmöglichkeiten liegen vermutlich ausserhalb des Denkmusters einer hauptsächlich auf kurzfristige Deals und Gewinne ausgerichteten Mannschaft und ihres Anführers.

Was mir besonders Sorge bereitet, ist die Situation an der auf persischer Seite arg zerklüfteten Strasse von Hormus. Wir sehen uns mit der Möglichkeit konfrontiert, dass iranische Kräfte, und seien es lediglich unkontrollierbare Splittergruppen, auf Wochen und Monate, ja vielleicht Jahre hinaus den Schiffsverkehr bedrohen und ihn damit praktisch verunmöglichen. Drohnen – es gibt sie in millionenfacher Ausführung, sie können buchstäblich aus jeder Ecke am persischen Uferstreifen abgefeuert werden. Der Aufwand, um sie abzufangen oder zu bekämpfen, ist extrem asymmetrisch, hoch. Dazu kommt die Bedrohung durch Seeminen, Unterwassergeschosse und anderes mehr. Die Eskortierung von zivilen Schiffen durch eine Armada von Kriegsschiffen ist höchst aufwendig und möglicherweise sogar ein untaugliches Vorgehen, denn es braucht extrem wenig, um bei ungepanzerten Wannen voller Öl, so sind zivile Tankschiffe nun einmal beschaffen, Schaden anzurichten.

Welche Möglichkeiten stehen den USA, die den Krieg begonnen haben, in dieser Lage offen? Aus meiner Sicht sind es sind drei Damoklesschwerter, die sich gegenseitig weitgehend ausschliessen:

1. Der US-Präsident entschliesst sich zur konventionellen Kriegsführung. Er entsendet Bodentruppen, um die «Piratennester auszuräuchern», vielleicht beginnend mit der vollständigen Übernahme der Insel Kharg, dem iranischen Hub für die Hochseeschifffahrt, einem einfachen Ziel mit viel Prestigegewinn in der kurzen Frist. Sodann gefolgt von kommandoartigen Überfällen auf erkannte iranische Stellungen entlang der Strasse von Hormus, bis hin zu einer echten Invasion, weil sich die dosierte Kriegsführung nicht bewährt haben wird. Sie würde schlimmer sein als jene in der Normandie im Jahr 1944, denn das iranische Hinterland ist im wesentlichen militärisch nicht zu kontrollieren. Ein nächstes Vietnam oder Afghanistan also, das die grosse Mehrheit der Amerikaner nie und nimmer gewollt hätte, ausgelöst von einem Präsidenten, der jüngst noch Friedensnobelpreisträger werden wollte. Die Israeli drängen mit Sicherheit auf die Inbesitznahme der bekannten Atomanlagen wie Bordo, Natanz und Isfahan, alle drei weit im Innern Irans gelegen, was ohne komplexe Luftlandungen in mehrfacher Divisionsstärke nicht zu bewerkstelligen wäre. Der Angreifer müsste damit rechnen, mit «ukrainischen» Schlachtfeldverhältnissen umgehen zu müssen und hohe Verluste in Kauf zu nehmen.

2. Die amerikanische Regierung versucht, das Problem auszusitzen. Lässt da und dort Bomben fallen, beschwichtigt laufend, versucht mit Eskorten Handelsschiffe durchzulotsen, geht kurzfristige Deals mit zweifelhaften Kräften ein, rettet sich von einer Versprechung zur andern. Abgesehen davon, dass Geduld nicht zu den Hauptfähigkeiten des derzeitigen Präsidenten gehört, sprechen die auf den Herbst 2026 datierten inneramerikanischen Zwischenwahlen gegen die Wahl dieser Option. Aber noch wichtiger: Der Versuch zum «Durchseuchen» hätte anhaltend hohe Erdölpreise zur Folge. Wenn dauerhaft 20 Prozent der weltweiten Erdölförderung wegfallen, dann ergeben sich zwar schon Anpassungs- und Restitutionsprozesse (asiatische Länder substituieren bereits im grossen Stile Erdöl mit Kohle), aber richtig elastisch sind die Energiepreise nur in der langen Frist, und das könnte mehrere Jahre bedeuten. Höhere Energiepreise haben höhere Inflationsraten zur Folge, tieferes Wachstum (Stagflation), und die Zinsen dürften langfristig steigen.

3. Die US-Regierung erklärt den Krieg bald einmal für «beendet», ohne dass das Problem der Strasse von Hormus gelöst worden wäre, und überlässt das gesamte Mittelost-Theater den Anrainerstaaten der Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Oman. Diese müssten meines Erachtens notgedrungen Hilfe bei den vom Erdölfluss am meisten abhängigen Chinesen erbitten, mit dem Resultat einer der grössten geopolitischen Machtverschiebungen zulasten der Amerikaner über die letzten Jahrzehnte. Der derzeitige US-Präsident wäre kaltgestellt, das Resultat der Zwischenwahlen desaströs; die USA würden in einen dysfunktionalen Zustand mit Impeachment, Klagen und Gegenklagen verfallen. Dies mindestens bis zu den nächsten Präsidentenwahlen im Jahr 2028. Wie sich Israel bei einem vorzeitigen Rückzug der Amerikaner verhalten würden, lässt sich noch nicht abschätzen.

Allen drei Szenarien ist gemeinsam, dass sich die Frage nach der Finanzierung des US-Haushalts noch viel drastischer stellen würde. Vermutlich würden die drei Szenarien auch mit deutlich höherer Teuerung einhergehen, sei es infolge des exogen bedingten Erdölpreisschocks, sei es aufgrund endogener Entwicklungen, die sich in einem dysfunktionalen Staatsgebilde ergeben können. Die langfristigen Zinsen würden dann deutlich höher notieren als derzeit bei 4.28% für 10-jährige oder 4.89 % für 30- jährige Schatzanleihen. Der Zinsendienst würde 20 und mehr Prozent des gesamten Budgets ausmachen; der Präsident wäre versucht, eine teilweise Entschuldung gemäss dem «Mar-a-Lago»-Drehbuch auszulösen.

Wenn der oben skizzierte «Königsweg», also die erfolgreiche Enthauptung der Hydra Iran und die Entstehung eines von der grossen Mehrheit des Volkes getragenen neuen Persiens, nicht recht bald zum Tragen kommt, dann begeben wir uns wohl recht rasch in die Phasen 1 (Triggerpunkt) und 2 einer tiefgreifenden Umstrukturierung des Währungs- und Finanzsystems der Welt. Wir wollen hier keinesfalls werten. Etwa, ob das notwendig oder sinnvoll gewesen wäre. Das dürfen unbeteiligte Historiker später einmal vornehmen.

Ohne grobe Verwerfungen an den Finanzmärkten wird ein solcher Strukturbruch allerdings nicht abgehen. Es wird Verluste hageln. Im Bereich der Festverzinslichen, aber gewiss auch in den Aktienmärkten. Obschon ich bekanntermassen Absicherungsstrategien abhold bin, müssen sich vorsichtigere Anleger die Sache schon überlegen. Denn, wie die nachfolgenden Grafiken zeigen, sind die Risikoaufschläge bei den Festverzinslichen heute noch relativ moderat, und sind die Volatilitäten an den Aktienmärkten heute noch recht tief. Wer mehr Sicherheit will, der kann diese vorderhand noch relativ günstig einkaufen. Die Märkte glauben derzeit an einen einigermassen «vernünftigen» Ausgang der Causa Iran und an die Dominanz positiver Themen wie AI und dergleichen. C’est à vous de choisir.

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