Gerhard Schwarz: «Nicht der Staat ist für unser Glück verantwortlich»

* Der liberale Vordenker Gerhard Schwarz trat in Altstätten am Event «RTAG Perspektiven» auf. * Er benannte in seiner Rede fünf Trends, die unsere Gesellschaft orientierungslos machten, und plädierte für mehr Eigenverantwortung. * Man dürfte bei aller Fortschritts-Euphorie den Wert der Tradition nicht vergessen.

Business Class Ost
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Veröffentlicht am

26.6.2026

 von 
Martin Oswald

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KOMMENTAR

«Streben nach Glück, nicht der Anspruch auf Glück»
Gerhard Schwarz plädierte in seinem Referat dafür, die Eigenverantwortung wieder zu stärken. (Foto: Martin Oswald)

Wer Gerhard Schwarz reden hört, erlebt einen der profiliertesten liberalen Köpfe der Schweiz. Der gebürtige Vorarlberger, in St. Gallen heimatberechtigt, studierte Ökonomie an der Hochschule St.Gallen und prägte während knapp drei Jahrzehnten den Wirtschaftsteil der «Neuen Zürcher Zeitung». Von 2010 bis 2016 stand er an der Spitze der Denkfabrik Avenir Suisse, heute ist er Präsident der Progress Foundation. Sein Denken ist der ordoliberalen Tradition verpflichtet – der Staat schafft lediglich einen Rahmen für einen freien Markt – und genau diese Brille legte er am Mittwoch auch über die Gegenwart.
Anlass war der Event «Perspektiven», zu dem die RTAG Immobilien & Treuhand an ihren Sitz in Altstätten geladen hatte. Vor den Gästen entwarf Schwarz in rund einer halben Stunde eine Diagnose der Gegenwart, die bewusst gegen den Strich bürstete.

Fünf Trends, die orientierungslos machen

Im Zentrum seiner Rede standen fünf Entwicklungen, die nach Schwarz’ Lesart zu einer wachsenden Orientierungslosigkeit beitragen. Den Anfang machte der hohe Wohlstand: Wo ein gutes Leben kaum noch Anstrengung verlange und vielfach geerbt sei, drohe Dekadenz – man fordere Freiheiten ein, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu wollen. Als zweiten Trend nannte er die Globalisierung, bei der nationale Interessen zu wenig Gewicht erhielten. Drittens die Migration, die uns nach seiner Einschätzung noch Jahrzehnte beschäftigen werde. Von kontrollierter Zuwanderung profitiere eine Gesellschaft durchaus; schwierig würden jedoch Menge, Tempo, berufliche Qualifikation und kulturelle Differenz.

Der vierte Punkt galt der Säkularisierung. Diese verlaufe keineswegs überall zugunsten der Vernunft. Während die Kirche an Bedeutung verliere, werde andernorts ein stark konservativer Glaube über den Staat oder kämpferisch über andere Religionen gestellt. Menschen aber, so Schwarz, bräuchten spirituelle Gemeinschaften. Gemässigte Christen liefen jedoch Gefahr, vom fundamentalistischen Islamismus überrollt zu werden. Den fünften Trend sieht er im medizinisch-technischen Fortschritt und in der Digitalisierung. Das Internet bringe alles in Sekundenschnelle an den Küchentisch. Ob man deswegen bessere Entscheidungen treffe, sei aber fraglich. Der permanente Vergleich führe vielmehr zu Unzufriedenheit.

Eigenverantwortung statt Vollkaskostaat

So kritisch die Diagnose, so klar fiel Schwarz’ Plädoyer aus. Nicht der Staat sei für das eigene Glück zuständig: Es gehe um das Streben nach Glück, nicht um einen Anspruch auf Glück. Eigenverantwortung gelte es zu stärken. Toleranz sei wichtig, doch sie habe rote Linien. Keine Toleranz dürfe es gegenüber den Intoleranten geben; eine Gesellschaft brauche einen Wertekompass. Mit Sorge blickt der Liberale zudem auf eine «schleichende Sozialdemokratisierung»: Bei einer Staatsquote von rund 40 Prozent arbeite man bis weit in den Frühling hinein faktisch nur für das Kollektiv.
Sein Schlussappell richtete sich an den Umgang mit dem Bewährten. Tradition dürfe nicht geringgeschätzt werden – einem reinen «Fortschrittsfetischismus» erteilte Schwarz eine Absage. Im anschliessenden Lunch fanden seine Thesen reichlich Gesprächsstoff.

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